Meine Erfahrungen in der ehrenamtlichen Hospizarbeit

Belastet dich die dauernde Berührung mit dem Tod nicht zu sehr?, werde ich immer wieder gefragt. Die Freizeit kann man doch auch anders gestalten.

Natürlich habe ich bei jeder neuen Begleitung Zweifel, ein Grummeln im Bauch, hinterfrage mich immer wieder. Werde ich die richtigen Worte finden, angenommen werden, mich selbst zurücknehmen?

Doch mit jeder Begleitung bin ich mir selbst ein Stück näher gekommen. Habe Seiten und Gefühle an mir entdeckt, die ich nie für möglich gehalten hätte.

Man lernt wieder anders wahrzunehmen, die eigenen Grenzen zu akzeptieren, die Fähigkeit, ganz aufmerksam bei den Menschen zu sein. Oft ist schon ein zarter Händedruck, ein Augenzwinkern, der kleinste Fingerzeig von Bedeutung.

Fremde Menschen laden mich ein, mit in ihr Leben einzutauchen, öffnen ihre Seelen. Eine Begleitung hat mich ganz besonders berührt:

Zart, wachsbleich, schaute mich mit großen, eingefallenen Augen die gut 50jährige Frau an. „In ein paar Wochen gibt es mich nicht mehr, was sollen wir da noch reden“, kam es müde über ihre Lippen. Auf Grund des fortgeschrittenen Krebsstadions konnte nur noch eine Schmerzbekämpfung durchgeführt werde. Sie lebte allein, wollte zu Hause sterben und zwar so schnell wie möglich.

O Gott, was mach ich jetzt?, dachte ich. Doch nach vorsichtigen Ansätzen entwickelten sich innerhalb der nächsten Begegnungen sehr intensive Gespräche. Ich lernte eine starke, vielgereiste Frau mit einem interessanten, facettenreichen Leben kennen, aber auch mit reichlich Narben auf der Seele. Sie erzählte mir Stationen, die keiner kannte, als wolle sie die Bestätigung: „Trotz allem – es war etwas wert – mein Leben.“

Sie hatte mehrere Beziehungen, doch sie gingen an ihrer Lebensphilosophie kaputt. Sie wollte keine Kinder, hatte panische Angst wegen eines frühen Schwangerschaftsabbruchs bestraft zu werden. Mit ihrer Familie, Mutter und Schwester, war sie zerstritten, sie verleugneten ihre Krankheit, behaupteten sie wolle sich damit nur wichtig machen. Auch besuchten sie Arbeitskolleginnen nicht, mit denen sie sich gut verstanden hatte.

Wir versuchten gemeinsam die neue Situation aus der Sicht der anderen anzuschauen. Ich bat sie, die beste Kollegin anzurufen, um ein Buch zu bitten, ihr damit die Angst vor einer Begegnung zu nehmen. Am anderen Tag stand diese mit einem riesigen Blumenstrauß und mehreren Büchern vor der Tür. Der Anfang war gemacht.

Auch, dass Mutter und Schwester wahrscheinlich panische Furcht vor der Wahrheit hatten, dass sie, die starke, erfolgreiche, die immer alles geregelt hat, in Zukunft nicht mehr da sein sollte, konnte sie nun verstehen. Wegen unsäglicher Schmerzen wurde sie dann doch noch auf die Palliativstation eingeliefert. Bei meinem letzten Besuch berichtete sie mir glücklich über die Versöhnung mit der Familie.

„Ich habe alles regeln können. Beide können jetzt ein sorgenfreies Leben führen. Ich habe alles losgelassen, mich von meinem Traumurlaub verabschiedet und was ich sonst noch alles gern erleben wollte. Ich kann beruhigt gehen“. Überwältigt von der Gelassenheit  dieser Frau  fehlten mir die Worte.

Leider konnte ich sie nicht hinüber begleiten, man hatte mich nicht benachrichtigt. Von der Nachtschwester erfuhr ich, dass sie sich auch noch mit Gott ausgesöhnt hat und in tiefem Frieden gegangen ist.

Meine Leben bekam durch diese Begleitung eine Tiefe für die ich sehr dankbar bin. Glasklar erkannte ich, es ist richtig und wichtig, dass ich mich für die ehrenamtliche Hospizarbeit entschieden habe.


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